ASMR-Video machen: So gehts

ASMR-Videos gewinnen seit etwa vier Jahren an Beliebtheit. Wie Du selbst ein ASMR-Video machst und welches Equipment benötigt wird, erfährst Du in diesem Tutorial.

Vor etwa zwei Jahren bin ich durch Zufall auf ASMR-Videos gestoßen (Danke, Youtube-Algroithmus…). Anfangs war ich eher kritisch – und zugegeben etwas neidisch. Irgendwie nervte es mich zu sehen, wie Menschen in ein Mikrofon schmatzen und an verschiedenen Sachen kratzen, und damit beachtliche Aufrufzahlen bekamen. Das ist vermutlich für jeden Musikschaffenden schwer zu begreifen.

Nachdem der anfängliche Frust verflogen war, gab ich ASMR eine zweite Chance. Ich ließ mich darauf ein und achtete darauf, was passiert und ausgelöst wird. Und ich war durchaus überrascht…

Die meist kratzigen und perkussiven Geräusche in ASMR-Videos lösen beim Zuhörer ein wohltuendes, entspannendes Kopfkribbeln aus. Außerdem soll ASMR auch beim Einschlafen helfen. Wobei natürlich die Wirksamkeit der verschiedenen Geräusche von Mensch zu Mensch variiert.

Selbst ein ASMR-Video zu machen, ist gar nicht so schwer. Bevor wir uns die einzelnen Produktionsschritte ansehen, gibt es noch eine kurze Einführung zum Thema. Denn hinter ASMR steckt weit mehr, als der erste Blick vermuten lässt.

Was ist ASMR?

ASMR steht für Autonomous Sensory Meridian Response. Zu deutsch: Autonome Körperreaktion auf sensorische Reize. Diese etwas schwer verständlichen Worte bezeichnen stark vereinfacht gesagt einen relativ statischen Sound, der über längere Zeit beruhigend wirkt.

Das Online-Magazin t3n hat kürzlich sogar einen Artikel veröffentlicht, in dem es um „Ersteller“ von sogenannten White-Noise-Shows geht. Den Artikel kannst Du hier lesen: t3n White-Noise-Shows.

Doch zurück zu ASMR: Laut welt.de gilt der Künstler Bob Ross als Urvater des Trends. In seiner Fernsehserie „The Joy of Painting“ versuchte er, den Spaß am Malen zu vermitteln. Das raue, kratzige Geräusch des Pinsels auf der Leinwand sowie seine leise gesprochenen Kommentare haben wohl den Grundstein für die heutigen ASMR-Videos gelegt.

ASMR ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Wissenschaft für sich. Diese kurze Beschreibung umfasst längst nicht die ganze Komplexität des Themas, reicht aber für das Vorhaben eines eigenen ASMR-Videos oder -Podcasts erstmal aus. Wenn Du mehr darüber erfahren möchtest, kannst Du die ASMR University online besuchen.

Es gibt zwei ASMR-Begrifflichkeiten, die Du kennen solltest:

  • Tingles: Das Kopfkribbeln
  • Triggers: Geräusche, die Tingles auslösen

ASMR-Video: Verschiedene Trigger

ASMR-Video machen: Das brauchst Du dafür

Auf den visuellen Aspekt werde ich in diesem Artikel nicht eingehen. Bei ASMR kommt es darauf an, was man hört. Ein Video ist ein netter Zusatz. Wer sich ein paar Clips auf Youtube ansieht, wird feststellen, dass auch die erfolgreichsten ASMR-Ersteller keine wilde Show bieten.

Für die Produktion einer ASMR werden lediglich ein Mikrofon, ein Kopfhörer und eine Aufnahmesoftware benötigt. Du kannst auch zwei Mikrofone verwenden, denn eine gute Kanaltrennung von links und rechts ist von Vorteil. Aus diesem Grund sollte auch mit Kopfhörern sowohl abgehört als auch konsumiert werden.

Mikrofone

Mikrofonseitig bietet sich ein Großmembran-Kondensatormikrofon an. Es darf durchaus empfindlich reagieren, um auch leise Geräusche gut einfangen zu können. Ob ein klassisches Mikrofon mit XLR-Anschluss oder ein USB-Mikrofon verwendet wird, spielt keine Rolle. Letzteres erspart allerdings den Einsatz eines Audio-Interfaces.

Wer mehr Budget zur Verfügung hat, kann auch zu einem binauralen beziehungsweise 3D-Mikrofon greifen. Kürzlich habe ich sogar ein ASMR-Video gesehen, bei dem ein Kunstkopf zum Einsatz kam.

Hier einige Vorschläge für Mikrofone:

  1. Behringer C-1
  2. T.bone SC 450 USB
  3. SE Electronics X1A
  4. Audio-Technica AT2020
  5. Blue Microphone Yeti
  6. Rode NT1-A
  7. AKG C214
  8. Shure SM7B
  9. 3Dio Free Space
  1. 29,90 €
  2. 79 €
  3. 95 €
  4. 95 €
  5. 139,99 €
  6. 159 € / Matched Pair: 444 €
  7. 325 €
  8. 359 €
  9. 399 USD

Kopfhörer

Wie auch bei Musikaufnahmen gilt es bei ASMR, keine Übersprechungen vom Kopfhörer auf dem Mikrofon zu haben. Daher bietet sich für die Aufnahme ein geschlossenes Modell an.

Da es sich um Geräuschaufnahmen handelt, die keinerlei klanglicher Beurteilung gegenüber stehen, braucht es keinen teuren Studiokopfhörer. Bei Modellen wie dem AKG K-72, Superlux HD-660 Pro oder Sennheiser HD 300 liegt der Straßenpreis bei circa 40 Euro. Doch die meisten haben sicherlich ohnehin Kopfhörer zuhause, die für ASMR-Videos völlig ausreichen.

Reden? Oder nicht reden?

Im Vergleich zu „herkömmlichen“ Videos muss in ASMR nicht unbedingt geredet beziehungsweise kommentiert werden. Wer möchte, kann aber natürlich einen Intro oder ähnliches machen. Du solltest lediglich darauf achten, zu flüstern. Sprache in Zimmerlautstärke würden die meisten Hörer wohl als störend empfinden.

Aber auch hier macht es ASMR einem einfach: Eine Sprachsäuberung ist nicht notwendig. Schmatzer und Spucke, die normalerweise für Musik und Postproduktion von Aufnahmen entfernt werden, gehören hier dazu. Etwas Kompression, EQ und eventuell De-Essing kann aber sicher nicht schaden.

ASMR-Video machen: Recording

ASMR-Videos machen: Recording
Lass deiner Kreativität bei der ASMR-Aufnahme freien Lauf.

Bei der Aufnahme von ASMR-Videos sind deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt. Du kannst leicht auf den Mikrofonkorb klopfen, mit einem Pinsel darüber streichen, an einer Plastikschüssel kratzen oder ein Blatt mit einer Schere durchschneiden. Die Geräusche sollten möglichst sanft klingen, um den Zuhörer zu beruhigen und nicht zu erschrecken. Langsame Bewegungen sind quasi der Schlüssel zum ASMR-Erfolg.

Bei der Aufnahme sollte man stehts ein Auge auf den Pegel haben. Eine zu schnelle Bewegung kann ebenso schnell die Aufnahme übersteuern. Für die ersten Recordings kann es daher nicht schaden, sicherheitshalber einen Limiter einzusetzen. Mit einem Ceiling von -2 dB gibt es noch etwas Spielraum für schnelle Peaks, die dem Limiter vielleicht entwischen.

Audiobearbeitung

Wenn Du beim Abhören deiner Aufnahme harte Geräusche bemerkst, kannst Du sie mit Fades etwas „aufweichen“. Mit einem Lowcut-Filter bei circa 100 Hz schneidest Du störende tiefe Frequenzen weg. Zischende Höhen kannst du im Bereich von 5 bis 7 kHz etwas absenken.

ASMR-Video machen: Editing
Bearbeite deine Aufnahme etwas nach.

Ein leichtes Anheben schmaler Frequenzbereiche kann einzelnen Triggern eventuell mehr Intensität verleihen. Allerdings ist das vom Audiomaterial abhängig.

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Vorsichtiges Equalizing und ein bisschen Kompression reichen in der Regel aus – reines Mastering, wenn man so will. Achte darauf, deine Aufnahme nicht zu stark zu komprimieren, denn ASMR lebt auch von der Dynamik.

Effektseitig brauchst Du eventuell noch einen Reverb. Eine leichte Dosis kann den Klang natürlicher machen. Gerade wenn deine Aufnahme mono ist und Du Trigger gepannt hast, kann ein leichter Raumanteil auf der Gegenseite angenehm sein.

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Abschluss

Damit sind wir am Ende unserer Produktionskette eines ASMR-Videos angekommen. Die Thematik wird sicherlich bei dem ein oder anderen Audioschaffenden auf Ablehnung treffen. Denn in gewisser Weise stellt es die „traditionellen Audioregeln“ auf den Kopf. Doch eigentlich ist ASMR spannend. Man muss ja nicht zwingend ASMR-Videos machen. Auch in der Musikproduktion kann es interessant sein, mit den Geräuschen zu experimentieren… einige eignen sich sicherlich als Percussions.

Doch was wäre, wenn man Trigger gezielt in Musiken einsetzen könnte? Stell dir vor, Du hörst deinen Lieblingssong. Der Vibe und die Emotionalität reissen dich voll mit. Und immer wenn der Chorus einsetzt, spürst Du ein angenehmes Kribbeln im Kopf. Wäre das nicht cool? – Musik wäre auf einer ganz neuen Ebene spürbar!

Das ist natürlich reine Fantasie meinerseits. Aber wer weiß, welches Potenzial ASMR bietet.

Titelbild: Karolina Grabowska / Fotos: Karolina Grabowska, Techivation, Hersteller