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Ein Granular-Synthesizer mit so hoher Rate, dass Samples zu spielbaren Instrumenten werden. Baby Audio stellen mit Grainferno ein bahnbrechendes Instrument vor, das neue kreative Möglichkeiten eröffnen soll. Ob das gelingt, verrät dir der Test.
Ich kann mich noch gut erinnern, als Caspar Bock Soerensen, Gründer von Baby Audio vor ein paar Jahren zu mir sagte, es sei sein Traum, einen eigenen Synthesizer zu entwerfen und zu veröffentlichen. Diesen hat er sich nun bereits zum vierten Mal erfüllt.
Grainferno reiht sich hinter BA-1, Atoms und Tekno ein. Es handelt sich dabei um einen Granular-Synthesizer mit zwei Engines, einer 1,5 GB großen Auswahl an mitgelieferten Samples und einigen ungewöhnlichen Funktionen. Welche das sind und ob sich das Instrument auf dem hart umkämpften Synth-Markt durchsetzen kann, finden wir jetzt im Baby Audio Grainferno Test heraus.

Baby Audio Grainferno Test: Übersicht
Grainferno ist in drei Tabs gegliedert: Play, Design und FX. Im Play-Modus ist das Instrument quasi ein reiner Preset-Player – ähnlich wie beispielsweise Tracktion Theia. Wer keine Lust hat, selbst an Sounds zu schrauben, kann hierüber schnell die über 300 Presets durchhören und anhand der vier Macros justieren.
Im Design-Tab eröffnet das Plug-in dann seine volle Funktionsvielfalt. Hier bekommt man Zugriff auf die zwei Engines, die mit jeweils einem der mitgelieferten Samples oder auch eigenen bestückt werden können. Die Startposition der Klangwiedergabe lässt sich für jede Klangquelle individuell festlegen. Alle weiteren Einstellungen sind global, gelten also gleichermaßen für beide Engines.
Zur Verfügung steht einmal eine Grains-Sektion. Hier formt man die Grains unter anderem in puncto Größe, Form (Fade in/out) und Pitch. Der Rate-Regler erlaubt ein Pitching beziehungsweise die Einstellung der Geschwindigkeit, mit der Grains erzeugt werden. Bei extremen Geschwindigkeiten wird der Sound, vereinfacht gesagt, vollständig synthetisiert, wodurch ein gänzlich neuer Klang und somit ein neues Instrument entsteht.
In der daneben liegenden Movement-Sektion können dann die Abspielrichtung und –geschwindigkeit sowie Scatter, eine Art Streuung, eingestellt werden. Einige der Parameter der beiden genannten Sektionen bieten nochmal eine Auswahl individueller Modi, die ich aber an dieser Stelle nicht gesondert aufführe. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann im Handbuch nachlesen.
Kurz & knapp
➡ Baby Audio Grainferno ist ein Granular-Synthesizer mit 2 Engines, Modulations- und Effektsektion
➡ Für Producer & Sounddesigner
➡ Fazit: Für Klangexperimente ein tolles Tool mit produktionsreifen Presets zu einem fairen Preis. Für wirklich tiefgehendes und detailreiches Sounddesign fehlt es aber an Kontrollmöglichkeiten.
Klänge kombinieren und modulieren
Sind zwei Klangquellen in Grainferno aktiv, wird automatisch der Morph-Slider eingeblendet. Dieser bietet verschiedene Modi zum Kombinieren der beiden Klangquellen, zum Beispiel Crossfade, Weave und 8-Bit. Jeder Modus hat eigene Charakteristiken, mit denen er den Klang formt.
Hinzu kommt eine stattliche Auswahl an jeweils drei Hüllkurven-Generatoren und LFOs. Letztere bieten eine Modulo-Funktion, die komplexe Modulationskurven erzeugt, sowie die Möglichkeit der Grain-basierten Synchronisation. Zudem stehen unter anderem Randomizer sowie Velocity und Mod-Wheel als Modulationsquellen zur Auswahl.
Der Design-Tab bietet außerdem drei zuschaltbare Grain-Effekte. Filter, Kompressor und Blur bieten rudimentäre Einstellungsmöglichkeiten sowie jeweils individuelle „Operationsmodi“. Beim Filter also verschiedene Filtertypen wie Highpass und Notch und bei Blur „normal“ und „aggressiv“.

Die Effektsektion in Grainferno
Der letzte Tab ist den Effekten gewidmet. Hier stehen sechs individuell de/aktivierbare Slots zur Verfügung, die ein Filter, Kompressor, Distortion, Delay, Modulation (Chorus, Flanger, Phaser) und Reverb beheimaten. Genau wie bei den Grain-Effekten hat jedes Modul nochmal eigene Modi. Und darunter finden sich auch wieder ein paar außergewöhnliche, beispielsweise das Glitch-Delay, Silicon Fuzz Verzerrung und OTT-Kompression.
Die Effektmodule lassen sich frei in der Signalkette platzieren. Alle Parameter können zudem moduliert und Macros zugewiesen werden.
Template-basiertes Arbeiten
Eine weitere Besonderheit von Grainferno sind die Templates. Zur Auswahl stehen:
- Grain: Für traditionelle Grain-Sounds
- Tonal: Passt Rate so an, dass tonale Klänge entstehen
- Stretch: Granulares Pitch-Shifting und Time-Stretching
- Slice: Veränderung der Playhead-Position im Sample via Klaviatur
- Chaos: Granulare Texturen, die sich über Zeit entfalten
- Rhythmic: Rate und Scan laufen synchron zum DAW-Tempo
Anhand der Templates ist also schnell eine gewisse Klangbasis, durchaus auch mit vorbereiteten Modulationen, geschaffen. Die geladenen Samples werden bei Template-Wechseln beibehalten, sodass schnell verschiedene Konfigurationen ausprobiert werden können.
Features
- Zwei Granular-Engines
- 7 Morph-Modi
- Extreme Grain-Rates, mit der Sounds zu Instrumenten werden
- 4 frei zuweisbare Macros
- LFOs mit Modulo-Funktion, Hüllkurven-Generatoren, Randomizer & mehr
- Modulationszuweisung via drag&drop
- Flexible Effektkette
- Mehr als 300 Samples & Presets
- Import eigener Samples
- Für Windows & Mac-OS; VST, VST 3, AU und AAX

Baby Audio Grainferno Test: Praxis
Um einen ersten Eindruck von Grainferno zu gewinnen, habe ich mir durch die 325 mitgelieferten Presets gehört. Die Klangvielfalt reicht von Soundeffekten über Leads und Bässe bis hin zu experimentellen Designs. Der Klangcharakter des Synths ist voll und rund – ähnlich wie der von Atoms, aber weniger steril und aggressiv. Dank der Macros können die Sounds auch schnell etwas angepasst werden.
Sehr lobenswert ist die Möglichkeit, die Templates ohne den Verlust der geladenen Samples anzuwenden. Selbstverständlich werden die Einstellungen entsprechend verändert und die Effekte deaktiviert, aber nichtsdestotrotz gewinnt man so schnell einen Eindruck des klanglichen Spektrums. Die Krönung wäre natürlich, wenn man wählen könnte, ob die Effekte bei einem Wechsel erhalten bleiben oder nicht.
Die mitgelieferten Presets und Samples sind einwandfrei. Als reines Instrument hat der Synth also schon mal überzeugt. Spannend wirds aber natürlich beim Sounddesign. Und in das tauchen wir jetzt ein.
Audiobeispiele
Sounddesign im Baby Audio Grainferno Test
Eigene Sounds lassen sich anhand der zwei Granular-Engines und den Modulatoren designen. Als Basis dienen entweder die über 300 mitgelieferten Samples oder eigene, die via drag&drop einfach importiert werden können.
In der Grain-Sektion lassen sich die Grains formen und mit den verschiedenen Modi der Rate- und Size-Regler experimentieren. Dreht man den Rate-Regler ganz nach rechts auf die höchste Geschwindigkeit, kann man quasi einen durchgängigen Ton erzeugen. Dadurch lässt sich vereinfacht gesagt jeder beliebige Sound zu einem spielbaren Instrument formen – eines der Highlights, mit denen Baby Audio das Produkt bewerben. Im Test hat das problemlos funktioniert und es macht Spaß, allein dadurch neue Klänge zu erschaffen.
Schade ist allerdings, dass die beiden Engines nicht unabhängig voneinander bearbeitet werden können. Das hätte die kreativen Möglichkeiten wesentlich erweitert. Es ist beispielsweise nicht möglich, ein Pad zu designen, das nur ein rückwärts abgespieltes Sample beinhaltet. Oder eben die beiden Layer mit verschiedenen Rates abzuspielen.
Auf Nachfrage erklärte Caspar Bock Soerensen: „Wir haben uns die Option, beide Engines unabhängig voneinander bearbeiten zu können, für ein zukünftiges Update vorbehalten. Die erste Version wollten wir nicht zu komplex gestalten. Die ursprüngliche Idee war, nur eine Klangquelle zu haben – wie die meisten anderen Granular-Synthesizer. Als die zweite Klangquelle dazu kam, fanden wir, dass diese hauptsächlich für zusätzliche Texturen sorgen soll, gleichzeitig aber nicht die Einstellungen verdoppelt. Manchmal können zu viele Parameter auch überfordernd wirken. Vielleicht fügen wir diese Möglichkeiten aber in einem zukünftigen Update noch hinzu – vor allem, wenn viele Nutzende diesen Wunsch äußern“.
Sounddesign mit Modulatoren und Morphing
Wie bei den meisten Synthesizern sind auch in Grainferno Modulatoren wichtige Werkzeuge für das Sounddesign. Spannend finde ich vor allem die LFOs. Einerseits, weil sie sich auch Grain-basiert synchronisieren lassen. Hauptsächlich aber, weil anhand der Modulo-Funktion außergewöhnliche Kurven kreiert werden können. Deren Darstellung ist allerdings etwas verwirrend, denn es werden teilweise nur Steigungen als Linien angezeigt, aber keine Gefälle. Im Screenshot sieht man beispielsweise, dass die ersten drei Steigungen kein Gefälle haben. Im Test konnte ich aber anhand modulierter Regler und des Verlaufs-Overlays (nur während des Playbacks sichtbar) beobachten, dass ein abrupter Sprung nach „unten“ vor einer erneuten Steigung stattfindet – beinahe so, als würde man Steps triggern.

Es macht jedenfalls großen Spaß, damit zu experimentieren. Mit den zur Verfügung stehenden Modulatoren, Hüllkurven-Generatoren, Randomizern und Co. lassen sich umfangreiche und komplexe Sounds kreieren. Allerdings hätte ich mir zum Einzeichnen der Modulationskurven ein Raster gewünscht, um wirklich gezielt arbeiten zu können. Und eine Auswahl von zumindest ein paar Standardkurven wie Sinus und Sägezahn wäre nett gewesen, damit diese nicht jedes Mal erneut händisch eingezeichnet werden müssen.
Die verschiedenen Morph-Modi von Grainferno haben im Test ebenfalls gut gefallen. Auch damit lässt sich kreativ spielen. Sehr gut haben mir die Bit-Modi gefallen, die dem Klang einen gewissen Crunch verleihen. Der Weave-Modus zum Verstricken zweier Klangeigenschaften ist meiner Meinung nach nicht ganz so gut wie zum Beispiel in Morph 3 von Zynaptiq. Nichtsdestotrotz lassen sich aber auch damit coole Sounds kreieren. Mir hat das vor allem für Soundeffekte, Texturen und Pads/Klanglandschaften gut gefallen.
Flexible Effektkette
Ich bin ja ein großer Fan flexibler Routings und Signalwege. Grainferno hat zwar eine feste serielle Effektkette, die Prozessoren lassen sich aber innerhalb dieser frei platzieren. An der Klangqualität dieser gibts nichts zu meckern. Die Auswahl, die Baby Audio getroffen haben, gefällt mir auch sehr gut. Es gibt neben Standardeffekten nämlich auch ausgefallenere, zum Beispiel das Glitch-Delay, OTT und interessante Distortions. Dank des drag&drop-Modulationssystems sind auch hier im Handumdrehen entsprechende Zuweisungen eingerichtet. Allerdings wäre eine Modulationsmatrix für die Übersicht hilfreich gewesen. Bei den ganzen Modulationsmöglichkeiten verliert man beim Experimentieren schnell mal den Überblick.

Baby Audio Grainferno Test: Fazit
Mit Grainferno präsentieren Baby Audio einen Granular-Synthesizer, der sich irgendwo zwischen Soundplayer und Sounddesign-Tool platziert – sowohl preislich als auch funktionsseitig. Die Sounds sind Klasse und auch der runde Klangcharakter des Instruments hat mir im Test sehr gut gefallen. Die Handhabung ist ebenfalls einfach gehalten, sodass auch Einsteiger*innen ohne große Lernkurve Spaß mit Grainferno haben können.
Aus dieser Perspektive betrachtet liefert Grainferno auch ab. Anhand der zwei Engines und der angemessenen Auswahl an Modulatoren, Hüllkurven-Generatoren und Co. können beeindruckende Klänge kreiert werden. Highlights sind die Modulo-Möglichkeit der LFOs und die extrem schnelle Rate. Durch letzteres erzeugt man quasi ein neues Instrument, was sehr cool ist.
Aus Sounddesigner-Perspektive betrachtet fehlen mir dann aber einfach ein paar Einstellungsmöglichkeiten, um Sounds und Texturen gezielt zu platzieren. Beispielsweise die individuelle Bearbeitung der beiden Engines, Sample Start- und Endpunkte und vielleicht ein One-Shot-Modus für die LFOs. Ich würde mich sehr freuen, wenn Baby Audio ein Update oder eine Pro-Version nachliefern. Unabhängig der Perspektive wäre aber eine Modulationsmatrix und ein paar hinterlegte Standardkurven für die Modulatoren nett gewesen.
Das Résumé: Baby Audio Grainferno ist ein gelungener Einstieg in die Welt der Granular-Synthese. In puncto Preis-Leistungs sind die regulären 115 Euro fair. Für Klangexperimente ein tolles Tool mit produktionsreifen Presets. Für wirklich tiefgehendes und detailreiches Sounddesign fehlt es aber an Kontrollmöglichkeiten.
Verfügbar ab: sofort
Preis (UVP): 115 Euro
Weitere Infos: Baby Audio | Grainferno @ Plugin Boutique*
Pros
- Einfache Handhabung, intuitive Nutzeroberfläche
- Tolle Auswahl an Presets und Samples
- Import eigener Samples
- Verschiedene Morph-Modi
- Grain-basiertes Syncing
- Modulo-Funktion für LFOs
- Extreme Rates
- Flexible Effektkette mit sehr guten Prozessoren
- Geladene Samples bleiben beim Template-Wechsel erhalten
Cons
- Keine hinterlegte Modulationskurven (Sinus, Rechteck, etc.)
- Unübersichtlich bei vielen Modulationen, da keine Modulationsmatrix
- Darstellung der Modulo-Verläufe verwirrend
- Keine Auswahlmöglichkeit, ob beim Template-Wechsel die Effektkette übernommen werden soll
Fotos: Hersteller, Screenshots
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